Vatikan

Getauft, aber glaubensfern: Wird der Glaube noch vermittelt?

Viele Getaufte verlieren den Bezug zur Kirche. Ein neues Vatikan-Dokument sucht nach Antworten auf die Krise der Glaubensweitergabe.

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Andreas Nachbar
6 min Lesezeit
Getauft, aber glaubensfern: Wird der Glaube noch vermittelt?
(c) Pexels - pixabay user_id:2286921

Immer weniger Menschen geben den christlichen Glauben an die nächste Generation weiter, viele Getaufte verlieren den Bezug zur Kirche. Der Vatikan sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf: In dem neuen Dokument „Venite ad Me. Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens im Wandel der Zeit“ fordert das Dikasterium für die Glaubenslehre, die Evangelisierung und Seelsorge für Erwachsene stärker in den Mittelpunkt zu rücken – und die Glaubensvermittlung konsequent an ihrer Kernbotschaft neu auszurichten: der Liebe Jesu Christi. Warum die Kirche ihre bisherigen pastoralen Schwerpunkte überdenken muss.

Rückbesinnung auf den Kern des Glaubens

Mit dem neuen Dokument reagiert das Dikasterium für die Glaubenslehre auf die zunehmende Krise der Glaubensweitergabe und stellt die persönliche Begegnung mit Jesus Christus in den Mittelpunkt. Entscheidend sei, die christliche Botschaft nicht nur zu vermitteln, sondern Menschen einen lebendigen Zugang zum Glauben zu eröffnen.

Die zentrale Botschaft bringt das Dokument mit einem Zitat aus dem Schreiben Evangelii gaudium von Papst Franziskus auf den Punkt: „Jesus Christus liebt dich, er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten, und jetzt ist er jeden Tag lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien.“ Diese Erstverkündigung, in der Fachsprache Kerygma genannt, soll nach Ansicht des Dikasteriums wieder stärker ins Zentrum kirchlicher Bemühungen rücken. Sie bilde den Ausgangspunkt für eine Erneuerung der Evangelisierung.

Als biblische Grundlage dienen die Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken“ (Mt 11,28). Darin sieht das Dokument eine Einladung, zum Wesentlichen des christlichen Glaubens zurückzukehren. Das Kerygma erschließe die Inhalte des Glaubens, indem es zu einer „persönlichen und gemeinschaftlichen Begegnung mit dem lebendigen Christus“ führe.

Wie dringlich diese Neuausrichtung ist, zeigt sich laut dem Dokument auch daran, dass die Weitergabe des Glaubens in manchen Regionen der Welt „fast ganz unterbrochen“ wurde. Umso wichtiger sei es, den Glauben nicht allein als Wissen über religiöse Inhalte zu vermitteln, sondern als lebendige Erfahrung, die Menschen persönlich erreicht und in der Gemeinschaft der Kirche verankert ist.

Katechese für Kinder allein reicht nicht

Der Glaube lässt sich nicht allein durch religiöses Wissen weitergeben. Entscheidend sei vielmehr, Menschen schrittweise in das Leben der Kirche einzuführen, betont das Dikasterium für die Glaubenslehre in seinem neuen Dokument. Im Zentrum stehe dabei die Botschaft: „Gott ist für immer und für alle Liebe.“

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Familie. Sie sei der „erste und wesentliche Ort der Weitergabe des Glaubens“. Doch gerade dort sieht das Dikasterium eine wachsende Lücke: In vielen Teilen der Welt sei die religiöse Weitergabe im familiären Umfeld bereits weggebrochen. Dass Kinder den Glauben ihrer Eltern übernehmen, könne längst nicht mehr als selbstverständlich gelten.

Auch die Kirche müsse deshalb ihre pastoralen Schwerpunkte überprüfen. Zwar wachse sie durch „Anziehung“, doch in Ländern mit langer christlicher Tradition gerate die Glaubensvermittlung zunehmend unter Druck. Viele Menschen seien zwar getauft, fühlten sich der Kirche innerlich jedoch kaum verbunden und würden in ihrer Lebensweise den Ansprüchen der Taufe nicht gerecht.

Die Konsequenz formuliert das Dokument deutlich: „Gerade deshalb erfordert die Weitergabe des Glaubens heute in besonderer Weise die Evangelisierung der Erwachsenen.“ Zugleich brauche es eine Abkehr von einer Seelsorge, die sich vor allem auf die Katechese von Kindern und Jugendlichen konzentriert. Die Kirche müsse verstärkt auch jene Erwachsenen erreichen, denen der Zugang zum Glauben verloren gegangen ist.

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Warum der Glaube für viele zur Privatsache wird

Immer weniger Eltern vermitteln ihren Kindern den christlichen Glauben – und selbst wer als Kind mit der Kirche aufgewachsen ist, verliert als Erwachsener häufig den Bezug zu ihr. Das Dikasterium für die Glaubenslehre sieht darin ein prägendes Merkmal des gesellschaftlichen Wandels, insbesondere im Westen.

Das neue Dokument beschreibt eine „Krise der Weitergabe des christlichen Glaubens von Generation zu Generation“. Immer weniger Eltern kämen ihrer Aufgabe nach, ihre Kinder „mit dem lebendigen Licht der Botschaft des Evangeliums in Beziehung zu bringen“. Die Folge: Viele junge Menschen, die das kirchliche Leben zunächst kennengelernt haben, entwickeln beim Übergang ins Erwachsenenalter eine grundsätzliche religiöse Gleichgültigkeit.

Als einen wesentlichen Hintergrund nennt das Dikasterium eine neue Kultur, die mit traditionellen Formen der Glaubensvermittlung konkurriert. Sie fördere die Vorstellung von der „Souveränität des Ichs“ und trage dazu bei, Religion zunehmend zur Privatsache zu machen. Glaube und Kirche würden damit immer stärker auf den privaten und persönlichen Bereich beschränkt.

Gleichzeitig zeigt sich ein widersprüchliches Bild: In einigen stark säkularisierten Regionen entscheiden sich wieder mehr Menschen für eine Konversion oder kehren zur Kirche zurück. Doch der Eintritt allein garantiert keine dauerhafte Bindung. Laut Dokument fallen Neugetaufte mitunter schon kurze Zeit nach ihrer Taufe in eine Haltung praktischer Gleichgültigkeit zurück. Für das Dikasterium ergibt sich daraus eine zentrale Aufgabe: Entscheidend sei, neue Gläubige in die kirchliche Gemeinschaft aufzunehmen, sie zu begleiten und langfristig im Glauben zu stärken.

Kerygma im Mittelpunkt der Seelsorge

Wie kann die christliche Botschaft Menschen heute noch erreichen? Das Dikasterium für die Glaubenslehre sieht die Antwort in einer grundlegenden Erneuerung der Glaubensvermittlung. Im Mittelpunkt soll das Kerygma stehen – die Verkündigung der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die Menschen persönlich ansprechen soll.

Gefordert wird eine „tiefgreifende kerygmatische Erneuerung der Katechese“. Dabei komme es nicht nur auf die Inhalte an, sondern auch auf die Sprache. Sie müsse ein „Aufruf des Herzens“ sein und echte zwischenmenschliche Beziehungen ermöglichen. Menschen sollten erkennen können, dass Gottes Liebe keine abstrakte Botschaft ist, sondern ihnen ganz persönlich gilt.

Doch die Verkündigung allein reicht nach Ansicht des Dikasteriums nicht aus. Auch die christliche Gemeinschaft müsse gestärkt werden. Besonders in Ländern mit langer christlicher Tradition brauche es mehr Gesprächs-, Gebets-, Meditations- und Bibelgruppen. Sie sollen das Gemeindeleben vertiefen und die sonntägliche Eucharistiefeier ergänzen.

Eine zentrale Rolle spielt zudem die Liturgie. Sie sei der bevorzugte Ort, an dem die Begegnung mit Christus gefeiert und sakramental vermittelt werde. Ebenso wichtig sei das glaubwürdige Handeln der Gläubigen. Das Dokument nennt dafür drei Schwerpunkte: das Zeugnis der Heiligkeit, die gelebte Nähe zu den Menschen und die vorrangige Option für die Armen.

Auch Kunst und Schönheit sollen zur Glaubensvermittlung beitragen. Besondere Aufmerksamkeit widmet das Dikasterium dabei der Musik. Sie kann helfen, die christliche Botschaft erfahrbar zu machen und Menschen einen Zugang zum Glauben zu eröffnen, der über Worte hinausgeht.

Glauben neu zum Leuchten bringen

Christus als Quelle des Glaubens neu erfahrbar zu machen und seine Botschaft in die heutige Zeit zu tragen: Dazu ruft das Dikasterium für die Glaubenslehre in seinem neuen Dokument auf. „Nun ist es an uns, dasselbe Geschenk an die Männer und Frauen unserer Zeit weiterzugeben“, heißt es in den abschließenden Überlegungen. Die Menschen sollten die Möglichkeit erhalten, ihr Leben an jener Quelle zu entzünden, „die in der Welt leuchtet“.

Das Dokument „Venite ad Me“ versteht sich als Orientierung für die Weitergabe des Glaubens in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Ziel sei es, „konkrete Wege zur Verkündigung des Kerygmas“ aufzuzeigen – jener zentralen Botschaft des Christentums von der Liebe Gottes in Jesus Christus.

Die acht Kapitel umfassenden Überlegungen greifen dazu auf das päpstliche Lehramt, insbesondere auf Aussagen von Leo XIV. und Papst Franziskus, sowie auf Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils zurück. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um eine lehrmäßige Note, sondern um Impulse, die weitere Überlegungen und Entwicklungen ermöglichen sollen.

Gebilligt wurde das Dokument am 21. August 2026 von Papst Leo XIV. Unterzeichnet ist es von Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, und Armando Matteo, Sekretär der Lehrabteilung.

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Über Andreas Nachbar

Aufgewachsen in einer katholischen Familie, prägt mich der katholische Glauben seit meiner Kindheit. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit ein vertieftes Interesse an der Tradition des Christentums, der Lehre der katholischen Kirche und der Bedeutung des Glaubens für das persönliche Leben und die Gesellschaft. Durch theologische Weiterbildung vertiefe ich meine Kenntnisse und setze mich mit den Fragen auseinander, die Kirche und Christentum in der Gegenwart bewegen. Themenschwerpunkte sind Familie, Kirche und Glaube, Bildung und Gesellschaft.

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