Warum beten wir für unsere Toten?
An Allerseelen zünden viele ein Grablicht an. Doch wo steht in der Bibel, dass wir für die Toten beten sollen? Eine Spurensuche von den Makkabäern bis zur Trauerforschung.

Wer in diesen Tagen abends über einen Friedhof geht, sieht ein Meer aus kleinen roten Lichtern. Manche Gräber sind frisch geschmückt. Auf anderen steht ein einzelnes Licht, das jemand auch nach Jahren noch jedes Jahr vorbeibringt. Kaum ein Brauch hat sich bei uns so hartnäckig gehalten wie dieser, selbst bei Menschen, die sonst selten eine Kirche von innen sehen.
Fragt man nach dem Warum, wird es allerdings oft still. „Das macht man halt so“, sagen die einen. Andere, nicht selten evangelische Freunde, fragen zurück, ob das Beten für Verstorbene nicht ein frommer Zusatz sei, für den es in der Bibel gar keine Grundlage gebe.
Die Frage ist berechtigt, und sie verdient eine ehrliche Antwort. Die gute Nachricht vorweg: Die Heilige Schrift schweigt dazu keineswegs.
Eine Schlacht, ein Fund und eine Sammlung
Die deutlichste Stelle steht dort, wo viele sie nicht vermuten: im zweiten Buch der Makkabäer, Kapitel 12. Wir befinden uns im zweiten Jahrhundert vor Christus. Judas Makkabäus führt einen verzweifelten Kampf gegen fremde Herrscher, die Israel seinen Glauben austreiben wollen.
Nach einem Gefecht ziehen seine Männer los, um die Gefallenen heimzuholen und bei ihren Familien zu bestatten. Dabei stoßen sie auf etwas, das ihnen den Atem verschlagen haben muss. Unter den Kleidern vieler Toter finden sie Götzenamulette, kleine Glücksbringer aus heidnischen Tempeln, die das Gesetz streng verbietet. Ausgerechnet diese Männer, die für den einen Gott ihr Leben gegeben hatten, hatten sich insgeheim doch noch anderweitig abgesichert.
Man könnte erwarten, dass Judas sie verurteilt. Er tut das Gegenteil. Gemeinsam mit seinen Leuten bittet er Gott, diese Schuld ganz auszulöschen. Dann lässt er Geld sammeln, rund zweitausend Silberdrachmen, und schickt es nach Jerusalem. Im Tempel soll ein Sündopfer für die Toten dargebracht werden.
Der biblische Erzähler hält an dieser Stelle inne und erklärt, warum das richtig war. Judas habe an die Auferstehung geglaubt. Ohne diese Hoffnung wäre es überflüssig und töricht gewesen, für Verstorbene zu beten. Dann folgt der Satz, auf den sich die Kirche bis heute beruft: Es sei ein heiliger und frommer Gedanke, für die Toten zu beten, damit sie von ihrer Sünde befreit werden (vgl. 2 Makk 12,45–46).
In diesen wenigen Versen steckt eine ganze Theologie. Ein Mensch kann mit unbereinigter Schuld sterben, ohne dass damit schon alles verloren ist. Und die Lebenden sind nicht zum Zuschauen verurteilt. Sie können für ihre Toten eintreten.
Wer mit evangelischen Christen darüber spricht, sollte allerdings wissen, dass die Makkabäerbücher in den meisten ihrer Bibeln fehlen. Für die katholische und die orthodoxe Kirche gehören sie selbstverständlich zur Heiligen Schrift. Die Synoden von Hippo (393) und Karthago (397) zählten sie dazu, das Konzil von Trient hat es 1546 bekräftigt. Doch selbst wer das Buch nur als historische Quelle liest, erfährt daraus etwas Wichtiges: Zur Zeit Jesu war das Gebet für die Toten im Judentum gelebte Praxis. Jüdische Trauernde sprechen bis heute für ihre Verstorbenen das Kaddisch.
Was das Neue Testament voraussetzt
Im Neuen Testament sucht man vergeblich nach einem Satz wie „Betet für eure Toten“. Das muss niemanden verlegen machen. Jesus und die Apostel lebten in einem Judentum, das diese Praxis kannte, und sie haben ihr nirgends widersprochen. Stattdessen finden sich Hinweise, die das Bild auf ihre Weise ergänzen. Man sollte sie nicht überstrapazieren, aber man darf sie ernst nehmen.
Da ist zunächst ein Wort Jesu aus dem Streitgespräch mit den Sadduzäern, die nicht an die Auferstehung glaubten. Gott, sagt er, ist kein Gott von Toten, sondern von Lebenden, denn für ihn leben alle (Lk 20,38). Unsere Verstorbenen sind also nicht ins Nichts gefallen. Sie stehen weiter vor Gott, und deshalb können auch wir weiter für sie vor Gott stehen. Paulus sagt dasselbe auf seine Art, wenn er schreibt, dass weder Tod noch Leben uns von der Liebe Gottes in Christus trennen können (Röm 8,38–39).
Besonders berührend ist eine kleine Notiz im zweiten Timotheusbrief. Paulus denkt dort an Onesiphorus, einen Mann, der ihn in Rom gesucht hatte, als er in Ketten lag, und der sich dafür nicht geschämt hatte. Paulus wünscht dessen Familie Gottes Erbarmen. Für Onesiphorus selbst bittet er, der Herr möge ihn „an jenem Tag“ Erbarmen finden lassen, also am Tag des Gerichts (2 Tim 1,16–18). Am Ende des Briefes grüßt Paulus dann nur noch das Haus des Onesiphorus, nicht ihn selbst (2 Tim 4,19). Viele Ausleger schließen daraus, dass er nicht mehr lebte. Dann sähen wir hier den Apostel, wie er für einen verstorbenen Freund betet.
Andere Stellen sprechen eher davon, dass nach dem Tod noch etwas geschieht. Im ersten Korintherbrief schreibt Paulus, das Werk jedes Menschen werde am Ende im Feuer geprüft. Mancher erleide dabei Verlust und werde doch gerettet, wie durch Feuer hindurch (1 Kor 3,13–15). Jesus selbst spricht von einer Sünde, die weder in dieser noch in der kommenden Welt vergeben wird (Mt 12,32). Papst Gregor der Große hat daraus geschlossen, dass es dann wohl andere Schuld geben muss, die in der kommenden Welt noch vergeben werden kann. Und im Bild vom Schuldner, der erst freikommt, wenn er den letzten Pfennig bezahlt hat (Mt 5,25–26), haben die Kirchenväter eine Reinigung gesehen, die ein Ende hat.
Keine dieser Stellen ist für sich genommen ein Beweis. Zusammen aber zeichnen sie das Bild eines Gottes, bei dem mit dem Tod noch nicht alles entschieden ist, und einer Gemeinschaft, die über das Grab hinaus Bestand hat.
Wie die ersten Christen es lebten
Die frühen Christen haben die Bibel nicht nach Belegstellen durchsucht. Sie haben ihren Glauben gelebt, und das Gebet für die Toten gehörte von Anfang an dazu.
In den römischen Katakomben kann man es bis heute in Stein lesen. Auf unzähligen Grabplatten bitten Christen um Frieden und Erquickung für die, die dort liegen. Bischof Aberkios von Hierapolis ließ gegen Ende des zweiten Jahrhunderts auf seinen eigenen Grabstein schreiben, wer diese Zeilen verstehe, möge für ihn beten. Tertullian erwähnt um das Jahr 200 ganz nebenbei, dass Christen am Todestag ihrer Lieben Opfer für sie darbringen und dass eine Witwe für die Seele ihres Mannes betet. Und Cyrill von Jerusalem erklärt im vierten Jahrhundert den Neugetauften, warum in der Eucharistie der Verstorbenen gedacht wird: weil es ihnen hilft.
Die schönste Szene aber erzählt Augustinus in seinen „Bekenntnissen“. Seine Mutter Monika liegt im Jahr 387 im Hafen von Ostia im Sterben, weit weg von ihrer afrikanischen Heimat. Ihre Söhne sorgen sich, dass sie nicht im Familiengrab beigesetzt werden kann. Monika winkt ab. Wo man ihren Leib begrabe, sei ihr gleich. Nur um eines bitte sie: dass man ihrer am Altar des Herrn gedenke, wo immer man sei.
Gut sechshundert Jahre später führte Abt Odilo von Cluny in seinen Klöstern einen eigenen Gedenktag für alle Verstorbenen ein, den 2. November. Daraus ist unser Allerseelen geworden. Der Katechismus der Katholischen Kirche fasst diese lange Linie heute zusammen und beruft sich dabei ausdrücklich auf das Makkabäerbuch (KKK 1030–1032).
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Warum das bis heute zählt
Am tiefsten hat vielleicht Papst Benedikt XVI. erklärt, warum unser Gebet die Toten überhaupt erreichen kann. In seiner Enzyklika Spe Salvi schreibt er sinngemäß, dass kein Mensch eine in sich abgeschlossene Insel ist. Unsere Leben sind ineinander verwoben. Wir verdanken einander unendlich viel, im Guten wie im Schweren. Warum sollte diese Verbindung ausgerechnet mit dem Tod abreißen? Wenn ich für einen Verstorbenen bete, schenke ich ihm etwas, das er sich selbst nicht mehr geben kann.
Dahinter steht ein sehr nüchterner Blick auf uns Menschen. Die wenigsten von uns sterben als vollendete Heilige. Wir gehen mit offenen Rechnungen, mit Lieblosigkeiten, die wir nicht mehr gutmachen konnten, mit einem Herzen, das noch nicht ganz frei ist für Gott. Die Kirche glaubt, dass Gott solche Menschen nicht fallen lässt, sondern sie nach dem Tod läutert, bis sie ihn schauen können. Das meinen wir, wenn wir vom Fegefeuer sprechen. Es ist kein Ort der Rache, sondern der Reinigung aus Liebe, und unser Gebet begleitet die Verstorbenen auf diesem Weg.
Und es verändert auch uns. Wer für einen Toten betet, kann ihm noch danken, ihm verzeihen oder ihn um Verzeihung bitten. Papst Franziskus beschreibt das Gebet in Amoris Laetitia als eine Weise, mit unseren Verstorbenen verbunden zu bleiben.
Ein Blick in die Trauerforschung
Interessanterweise kommt auch die weltliche Wissenschaft zu ähnlichen Ergebnissen, auch wenn sie das Gebet für Verstorbene selbst kaum untersucht hat. Die Harvard-Forscher Michael Norton und Francesca Gino wollten wissen, ob Rituale Trauernden wirklich helfen oder ob sie einfach nur dazugehören. In ihren Experimenten empfanden Menschen, die nach einem Verlust ein Ritual vollzogen, spürbar weniger Trauer. Offenbar gibt uns ein Ritual ein Stück Handlungsfähigkeit zurück, wo wir uns sonst ohnmächtig fühlen. Das galt sogar für Teilnehmer, die gar nicht an Rituale glaubten. Und es half deutlich mehr, ein Ritual selbst zu vollziehen, als anderen dabei zuzusehen.
Die Psychologinnen Jennifer Wortmann und Crystal Park haben 73 Studien zu Religion und Trauer ausgewertet. Unterm Strich fanden sie einen überwiegend positiven Zusammenhang zwischen gelebtem Glauben und der Bewältigung eines Verlusts, wenn auch nicht in jeder Studie gleich deutlich. Auch von der alten Vorstellung, man müsse Verstorbene „loslassen“, hat sich die Trauerpsychologie längst verabschiedet. Heute spricht man von fortgesetzten Bindungen und hält eine lebendige, sich wandelnde innere Beziehung zu den Toten für gesund. Die Kirche hätte das auch ohne Studien sagen können.
Ob unser Gebet den Verstorbenen hilft, kann freilich keine Wissenschaft messen. Das bleibt eine Frage des Glaubens. Aber hier spricht die Schrift, wie wir gesehen haben, eine deutliche Sprache.
Wie wir für unsere Toten beten können
Dazu braucht es keine besonderen Kenntnisse. Das Wertvollste, was wir einem Verstorbenen schenken können, ist die Feier der Heiligen Messe. Wer für einen lieben Menschen eine Messe lesen lässt, tut genau das, worum Monika ihren Sohn gebeten hat.
Daneben gibt es das kleine Gebet, das viele noch aus Kindertagen kennen: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen. Lass sie ruhen in Frieden. Amen.“ Man kann es am Grab sprechen, beim Abendgebet oder einfach dann, wenn einem jemand in den Sinn kommt. Ein Rosenkranz für einen Verstorbenen, eine Kerze in der Kirche, der stille Gedanke an einen Namen, wenn im Hochgebet der Toten gedacht wird: Auch das alles ist Gebet.
Gerade jetzt lohnt sich der Weg auf den Friedhof besonders. Vom 1. bis zum 8. November kann man dort durch den Besuch und das Gebet für die Verstorbenen einen vollkommenen Ablass gewinnen, der ihnen zugutekommt. Wie immer gehören Beichte, Kommunion und ein Gebet in den Anliegen des Papstes dazu.
Eine Grenze sollte man dabei klar ziehen. Für die Toten zu beten heißt, sie Gott anzuvertrauen, und nicht, mit ihnen in Kontakt zu treten. Mit Spiritismus, Totenbeschwörung oder Medien hat das nichts zu tun; die Bibel verbietet solche Praktiken ausdrücklich (Dtn 18,10–12; vgl. KKK 2116). Wir sprechen nicht mit den Toten. Wir sprechen mit Gott über sie.
Ein Licht, das nicht vergisst
Wenn wir in diesen Tagen ein Licht auf ein Grab stellen, pflegen wir also mehr als einen schönen Brauch. Wir reihen uns ein in eine lange Linie, die von Judas Makkabäus über den Apostel Paulus und die heilige Monika bis zu unseren Großeltern reicht, die uns als Kinder mit auf den Friedhof genommen haben. Das Licht sagt: Du bist nicht vergessen. Und das Gebet fügt hinzu: Auch Gott vergisst dich nicht.
Die Bibelstellen im Überblick
- 2 Makk 12,38–46: Judas lässt für gefallene Sünder beten und ein Sündopfer darbringen. Der ausdrückliche Beleg.
- Lk 20,38 und Röm 8,38–39: Für Gott sind alle lebendig, und nicht einmal der Tod trennt von der Liebe Christi. Die Grundlage der Gemeinschaft mit den Toten.
- 2 Tim 1,16–18; 4,19: Paulus bittet um Erbarmen für den wohl verstorbenen Onesiphorus. Ein starker Hinweis.
- 1 Kor 3,13–15: Gerettet „wie durch Feuer“. Ein Hinweis auf Läuterung.
- Mt 12,32 sowie Mt 5,25–26 und Lk 12,58–59: Vergebung „in der kommenden Welt“ und das Gefängnis „bis“ zum letzten Pfennig. Indirekte Hinweise.
- Dtn 18,10–12: Das Verbot der Totenbeschwörung. Die Abgrenzung.
Quellen
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1030–1032 und 2116
- Benedikt XVI., Enzyklika Spe Salvi (2007), Nr. 48
- Franziskus, Apostolisches Schreiben Amoris Laetitia (2016), Nr. 257
- Augustinus, Bekenntnisse, Buch IX
- Norton, M. I. & Gino, F.: Rituals Alleviate Grieving for Loved Ones, Lovers, and Lotteries. Journal of Experimental Psychology: General (2014). Studie (PDF)
- Wortmann, J. H. & Park, C. L.: Religion and Spirituality in Adjustment Following Bereavement: An Integrative Review. Death Studies 32 (2008). PubMed
- Klass, D., Silverman, P. R. & Nickman, S. L. (Hg.): Continuing Bonds. New Understandings of Grief (1996)
Über Marco Antonio Di Prato
Marco Antonio Di Prato lebt in Bonn und verbindet in seiner Arbeit Glauben, Medien und Unternehmergeist. Als Geschäftsführer der Priesterausbildungshilfe e.V. setzt er sich dafür ein, dass Seminaristen und Priester aus aller Welt an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom studieren können. International ist der Verein als „Catholic Vocation Fund“ bekannt, getreu dem Leitwort „Apostel für die Welt“.
Aus dieser Arbeit sind mehrere Medienprojekte entstanden, an denen er maßgeblich mitwirkt: GodMag, der Video-Podcast „Himmelspod Erklärt“, der Heilige, Feste und Glaubensinhalte für die ganze Familie verständlich macht, sowie Buch- und Interviewproduktionen, etwa zur Enzyklika Magnifica Humanitas. Als Initiator des Catholic Innovation Hub bringt er junge katholische Entwickler und Ingenieure zusammen, die moderne Konzepte für den Kirchenraum entwickeln, ohne den Glauben zu verändern.
Beruflich ist er zudem Geschäftsführer der Himmelfreund DP GmbH, die eigene Plattformen und Apps entwickelt, und als Unternehmensberater für internationale Kooperation tätig. Unter seinem Namen veröffentlicht er außerdem Lobpreismusik, zuletzt das Adventsalbum „Maranatha – Komm, Herr“.
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