Glauben

Simon und Judas Thaddäus: Zwei Apostel, die man leicht überliest

Der eine hieß „der Eiferer“, der andere teilte seinen Namen mit dem Verräter. Heute wenden sich Menschen an Simon und Judas Thaddäus, wenn sonst niemand mehr hilft.

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Marco Antonio Di Prato
8 min Lesezeit
Simon und Judas Thaddäus: Zwei Apostel, die man leicht überliest
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Am 28. Oktober feiert die katholische Kirche den Gedenktag der Apostel Simon und Judas Thaddäus. Beide gehörten zu den zwölf Jüngern Jesu, und doch kennen viele kaum mehr als ihre Namen. Dabei gilt Judas Thaddäus heute als Patron in aussichtslosen Anliegen, und Simon, genannt „der Zelot“, ist Schutzheiliger mehrerer Handwerke. Wer waren diese beiden Männer, und was haben sie uns heute noch zu sagen?

Legt man die Apostellisten der Evangelien nebeneinander, merkt man, dass sie nicht überall gleich geordnet sind. Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes, die Fischer vom See Gennesaret, stehen aber immer weit vorn. Simon und Judas Thaddäus dagegen überliest man leicht.

Simon der Zelot: Wer war der „Eiferer“?

Simon hatte ein Problem, das damals viele Simons hatten: Es gab zu viele davon. Also bekam er einen Beinamen. Bei Lukas heißt er „der Zelot“, bei Matthäus und Markus „der Kananäer“. Beides meint dasselbe: der Eiferer. Deshalb begegnet er einem auch unter den Namen Simon Zelotes oder Simon Kananäus.

Das klingt nach Kampfgeist, und tatsächlich gab es zu jener Zeit eine Bewegung der Zeloten, die sich gegen die römische Herrschaft auflehnte. Ob Simon zu ihr gehörte, wissen wir nicht. Papst Benedikt XVI. hielt es für gut möglich, dass der Name vor allem seine leidenschaftliche Hingabe an Gott und sein Volk beschreibt. Ein Mann, dem sein Glaube nicht gleichgültig war.

Spannend ist, mit wem er unterwegs war. Im selben Kreis fand sich Matthäus, ein ehemaliger Zöllner, also einer, der für die Besatzungsmacht Geld eingetrieben hatte. Man kann sich ausmalen, dass sich zwei so verschiedene Lebensgeschichten nicht von selbst verstanden. Jesus hat trotzdem beide gerufen. Was sie verband, war nicht ihre Herkunft, sondern er.

Judas Thaddäus: „nicht der Iskariot“

Sein Gefährte hatte es nicht leichter. Er hieß Judas, wie der Mann, der Jesus später verraten sollte. Die Evangelien unterscheiden ihn deutlich von ihm: Matthäus und Markus nennen ihn Thaddäus, Lukas „Judas, Sohn des Jakobus“, und Johannes schreibt ausdrücklich dazu: „nicht der Iskariot“. Woher der Name Thaddäus kommt, ist nicht sicher. Eine der Deutungen, die Benedikt XVI. nennt, lautet „der Großmütige“, ein Mann mit weitem Herzen.

Ein einziges Mal hören wir ihn in den Evangelien sprechen, beim Letzten Abendmahl. Jesus kündigt an, er werde sich seinen Jüngern offenbaren, und Judas Thaddäus fragt, was wohl alle dachten: Herr, warum nur uns und nicht der Welt?

Jesus antwortet nicht mit einem Plan für einen großen Auftritt. Er spricht von etwas viel Leiserem: Wer ihn liebt und sein Wort hält, zu dem werden der Vater und er kommen und bei ihm Wohnung nehmen (vgl. Joh 14,22–23). Gott wohnt in dem Menschen, der ihn liebt. Eine Antwort, über die man lange nachdenken kann.

Die Tradition schreibt Judas Thaddäus außerdem den kurzen Judasbrief im Neuen Testament zu.

Legenden über Mission und Martyrium

Nach Pfingsten schweigt die Bibel über die beiden. Was folgt, sind Überlieferungen, und die widersprechen sich zum Teil. Nach einer verbreiteten Tradition predigten Simon und Judas Thaddäus zunächst in verschiedenen Regionen, später gemeinsam im Osten, und sollen schließlich in Persien zusammen das Martyrium erlitten haben. Deshalb feiert die westliche Kirche sie an einem gemeinsamen Gedenktag.

Die Apostel Simon und Judas Thaddäus auf dem Weg nach Osten, Gemälde im barocken Stil
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Attribute: Säge und Keule

Diese Legenden haben die Kunst geprägt. Simon wird meist mit einer Säge dargestellt, weil er der Überlieferung nach zersägt worden sein soll. Judas Thaddäus trägt eine Keule oder Hellebarde, die nach der Legende das Werkzeug seines Todes war.

Nach römischer Überlieferung werden Reliquien der beiden Apostel im Petersdom verehrt. Historisch sicher zuordnen lassen sie sich allerdings nicht.

Judas Thaddäus: Patron in aussichtslosen Anliegen

In vielen Kirchen findet man heute ein Bild des heiligen Judas Thaddäus, oft mit Kerzen und Dankestafeln davor. Er gilt als Fürsprecher in besonders schweren, scheinbar aussichtslosen Anliegen. Wenn die Diagnose niederschmetternd ist, wenn die Arbeit verloren geht, wenn eine Familie zerbricht, dann beten Menschen zu ihm.

Das war nicht immer so. Lange gehörte er zu den weniger bekannten Aposteln, und seine Verehrung litt wohl darunter, dass man ihn mit Judas Iskariot verwechselte. Kirchen, die ihm geweiht sind, gibt es bis heute nur wenige. Erst seit dem 18. Jahrhundert wurde er stärker verehrt und wird seither besonders bei schweren Anliegen angerufen.

In der Kirche erzählt man sich dazu gern eine fromme Deutung: Gerade weil ihn so lange kaum jemand anrief, setze er sich für jeden, der zu ihm kommt, umso mehr ein. Das ist keine Geschichtsschreibung, aber ein schönes Bild. Der Apostel, den man leicht übersieht, ist zum Ansprechpartner für Menschen geworden, die sich selbst übersehen fühlen.

Simon: Patron der Holzfäller und Gerber

Auch Simon hat seinen Platz in der Volksfrömmigkeit gefunden. Wegen der Säge verehren ihn die Holzfäller als ihren Patron, außerdem die Gerber, Färber und Lederarbeiter. In Goslar sind Simon und Judas Thaddäus gemeinsam Stadtpatrone.

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Was uns Simon und Judas Thaddäus heute sagen

Von den beiden Aposteln sind keine großen Reden überliefert. Ihre Wege nach Ostern kennen wir nur aus Legenden. Sicher wissen wir dies: Jesus hat sie gerufen, und sie sind ihm gefolgt. Was kann das Menschen sagen, die heute zwischen Terminkalender, Nachrichtenflut und Smartphone ihren Glauben leben wollen? Erstaunlich viel.

Eifer ohne Verbissenheit

Simon trug den Beinamen „der Eiferer“. Eifer hat heute keinen guten Ruf. Wir erleben täglich, wie Menschen sich in Überzeugungen verbeißen, wie Debatten in sozialen Netzwerken eskalieren und wie aus Leidenschaft schnell Lagerdenken wird. Auch in der Kirche wird oft mehr übereinander gestritten als miteinander gebetet.

Simon zeigt einen anderen Weg. Sein Eifer verschwand nicht, als er Jesus folgte. Er bekam eine neue Richtung. Und er musste lernen, ihn mit Menschen zu teilen, die ganz anders dachten als er, wie dem früheren Zöllner Matthäus. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen für unsere Zeit: Man kann für etwas brennen, ohne den anderen zu verbrennen. Was eine Gemeinschaft zusammenhält, ist nicht, dass alle gleich denken, sondern dass alle demselben folgen.

Hoffnung, wenn nichts mehr geht

Judas Thaddäus wird in aussichtslosen Lagen angerufen. Solche Lagen kennen viele Menschen heute nur zu gut: eine Diagnose, die alles verändert, eine Ehe, die zerbricht, ein Kind, das sich entfernt, Einsamkeit mitten in einer vernetzten Welt. Oft fehlen die Worte, und manchmal fehlt auch der Mut, überhaupt noch zu beten.

Eine Person zündet in einer Kirche eine Kerze vor einem Bild des heiligen Judas Thaddäus an
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Gerade dann kann es helfen, sich an jemanden zu wenden, der selbst lange übersehen wurde. Die Kerze vor seinem Bild ist kein Zaubertrick. Sie ist ein stilles Eingeständnis: Ich komme allein nicht weiter. Und zugleich ein Akt des Vertrauens, dass Gott auch dort einen Weg kennt, wo wir keinen mehr sehen. Heilige ersetzen nicht den Arzt, den Therapeuten oder das Gespräch mit einem Freund. Aber sie erinnern daran, dass niemand ganz verlassen ist.

Treue statt Reichweite

Wir leben in einer Zeit, in der Sichtbarkeit fast alles zu sein scheint. Wer gesehen wird, zählt. Wer nicht geteilt, geliked und zitiert wird, scheint keine Rolle zu spielen. Simon und Judas Thaddäus hätten in dieser Logik schlechte Karten gehabt. Sie standen nie im Rampenlicht.

Und doch gehören sie zu den Fundamenten der Kirche. Ihr Leben stellt eine leise Frage an uns: Wie viel von dem, was wir tun, tun wir, um gesehen zu werden? Und wie viel aus Treue? Die vielen Menschen, die heute ehrenamtlich Kranke besuchen, in der Gemeinde mithelfen oder einfach jeden Tag für andere beten, stehen genau in dieser Tradition. Man muss nicht vorn auf der Liste stehen, um zu Christus zu gehören. Gott ruft auch die, die man leicht übersieht, und nimmt sie in seinen Dienst.

Wie zeigt sich Gott der Welt?

Bleibt die Frage, die Judas Thaddäus beim Abendmahl gestellt hat: Warum offenbarst du dich nur uns und nicht der Welt? In einer Gesellschaft, in der Gott für viele keine Rolle mehr spielt, klingt diese Frage aktueller denn je. Jesu Antwort ist bis heute dieselbe. Gott zeigt sich nicht durch spektakuläre Auftritte, sondern durch Menschen, in denen er wohnt, weil sie ihn lieben und sein Wort halten.

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Katechese über die beiden Apostel den Wunsch formuliert, dass sie uns helfen, die Schönheit des Glaubens immer wieder neu zu entdecken und ihn unermüdlich zu leben, mit einem Zeugnis, das stark und zugleich unbeschwert ist. Genau das brauchen wir heute: keinen verbissenen, sondern einen frohen Glauben. Durch jeden Getauften, der Christus gemäß seiner Berufung liebt und sein Wort hält, wird Gott in der Welt sichtbar.

Gebet zum heiligen Simon und heiligen Judas Thaddäus

Heiliger Simon, heiliger Judas Thaddäus, ihr habt den Ruf Jesu gehört und seid ihm gefolgt. Bittet für uns, dass wir treu bleiben, auch wenn niemand hinschaut. Heiliger Judas Thaddäus, Fürsprecher in großer Not, trage unsere Anliegen vor Gott, für den nichts unmöglich ist. Amen.

Häufige Fragen zu Simon und Judas Thaddäus

Wann ist der Gedenktag von Simon und Judas Thaddäus?
Die katholische Kirche feiert beide Apostel gemeinsam am 28. Oktober.

Wofür ist Judas Thaddäus Patron?
Judas Thaddäus wird als Fürsprecher in besonders schweren und scheinbar aussichtslosen Anliegen angerufen. Zusammen mit Simon ist er außerdem Stadtpatron von Goslar.

Wofür ist Simon der Zelot Patron?
Simon gilt als Patron der Holzfäller, Gerber, Färber und Lederarbeiter.

Ist Judas Thaddäus derselbe wie Judas Iskariot?
Nein. Das Johannesevangelium unterscheidet ihn ausdrücklich vom Verräter: „nicht der Iskariot“. Matthäus und Markus nennen ihn Thaddäus.

Warum wird Simon mit einer Säge dargestellt?
Nach der Überlieferung soll er bei seinem Martyrium zersägt worden sein. Historisch gesichert ist das nicht.

Was können uns Simon und Judas Thaddäus heute sagen?
Simon zeigt, dass man für den Glauben brennen kann, ohne andere auszugrenzen. Judas Thaddäus steht für Hoffnung in scheinbar aussichtslosen Lagen. Beide erinnern daran, dass Treue im Verborgenen mehr zählt als Sichtbarkeit.

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Über Marco Antonio Di Prato

Redakteur / Autor bei GodMag.

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